Genogrammarbeit eröffnet im Coaching und in der Beratung einen strukturierten Blick auf Familien- und Beziehungsmuster über mehrere Generationen hinweg und macht damit systemische Dynamiken sichtbar, die aktuelles Erleben und Handeln prägen. Aus systemischer Perspektive dient das Genogramm nicht nur der Anamnese, sondern ist selbst bereits Intervention, weil es neue Bedeutungsräume öffnet und Ressourcen im Herkunftssystem sichtbar macht.
Was ist ein Genogramm?
Ein Genogramm ist eine erweiterte, grafische Darstellung von Familienstrukturen und Beziehungen über mindestens zwei bis drei Generationen, die weit über einen klassischen Stammbaum hinausgeht. Neben biologischen Verwandtschaftsverhältnissen werden insbesondere Qualität von Beziehungen, Rollen, Brüche, Konflikte, Krankheiten und besondere Lebensereignisse markiert.
Systemische Ansätze nutzen Genogramme, um Verhaltensmuster, Loyalitäten, unausgesprochene Aufträge und sich wiederholende Konstellationen im Familiensystem sichtbar und besprechbar zu machen. Dadurch entsteht eine Vogelperspektive auf die eigene Biografie, die blinde Flecken reduziert und Selbstreflexion vertieft.
Systemische Haltung hinter der Genogrammarbeit
Im Unterschied zu defizitorientierten Lesarten wird das Genogramm in der Systemik konsequent ressourcenorientiert verstanden: Es geht nicht darum, Schuldige zu finden, sondern Kontext und Muster zu erkennen. Probleme werden dabei als Ergebnis von Beziehungsdynamiken und Kontextbedingungen betrachtet, nicht als Eigenschaften einzelner Personen.
Die mehrgenerationale Perspektive – etwa in der Tradition von Boszormenyi-Nagy – geht davon aus, dass Werte, Loyalitäten und emotionale Muster oft unbewusst über Generationen weitergegeben werden und in aktuellen Konflikten oder Symptomen weiterwirken. Genogrammarbeit lädt Klientinnen und Klienten ein, diese impliziten Aufträge zu erkennen, zu würdigen und dort, wo es hilfreich ist, neu zu verhandeln.
Typische Einsatzfelder im Coaching
Genogramme stammen aus der systemischen Familien- und Paartherapie, werden inzwischen aber erfolgreich in Coaching, Supervision und Organisationsberatung eingesetzt. Gerade im Karriere- und Führungskräftecoaching hilft die Methode, unbewusste Kompetenzen, Werte und Glaubenssätze aus dem Herkunftssystem zu identifizieren und für die berufliche Entwicklung nutzbar zu machen.
Häufige Themen sind zum Beispiel: Entscheidungsdilemmata, wiederkehrende Konfliktmuster in Teams, Umgang mit Autorität, Leistung und Scheitern, Rollenverständnis in Führung oder der Umgang mit Krisen und Übergängen. Durch die Visualisierung wird deutlich, welche familiären Narrative – etwa „man muss immer stark sein“ oder „Sicherheit geht über alles“ – bis heute wirksam sind und welche Alternativen entstehen können.
Ablauf: Vom Stammbaum zur Intervention
In der Praxis beginnt die Genogrammarbeit meist mit der strukturellen Erhebung: Wer gehört (biologisch und psychologisch) zum System, wie sind Beziehungen definiert, welche Brüche, Übergänge und besonderen Ereignisse gab es über drei Generationen hinweg. Schon in dieser Phase entstehen durch Nachfragen und Erzählen erste neue Bedeutungen, etwa wenn bisher tabuisierte Themen eine Sprache finden.
Im nächsten Schritt rückt die systemische Hypothesenbildung in den Fokus: Welche Muster wiederholen sich, welche Rollen werden vergeben, wo zeigen sich Loyalitätskonflikte oder Delegationen von unerfüllten Wünschen. Die Arbeit wird durch ressourcenorientierte Fragen ergänzt, die nach überlieferten Stärken, Bewältigungsstrategien und gelingenden Beziehungen fragen und so Möglichkeiten für neue Entscheidungen im Hier und Jetzt eröffnen.
Mehrwert für Dich
Für Klient:innen bietet Genogrammarbeit eine klare, visuelle Struktur in komplexen Lebensgeschichten und schafft einen roten Faden für Veränderungsprozesse. Sie unterstützt dabei, sich aus festgefahrenen Selbstbildern zu lösen, biografische Loyalitäten bewusster zu gestalten und eigene Handlungsräume zu erweitern.
Im Kontext eines systemischen, hypnosystemisch informierten Coachings wird das Genogramm so zu einem lebendigen Arbeitsblatt: Es verbindet kognitive Einsichten mit emotionaler Resonanz und macht Ressourcen sichtbar, die oft schon lange im eigenen Herkunftssystem verankert sind. Damit wird Genogrammarbeit zu einem wirkungsvollen Brückeninstrument zwischen Vergangenheit, Gegenwart und den Zukunftsentwürfen von Klientinnen und Klienten.
Quellen:
Genogramm | socialnet Lexikon https://www.socialnet.de/lexikon/Genogramm
Das Genogramm als systemisches Tool – ALH-Akademie https://www.alh-akademie.de/blog/genogramm
Erläuterungen zum Genogrammformblatt https://www.dgpalliativmedizin.de/images/stories/Genogrammanleitung_DGP.pdf
Genogrammarbeit – Neuorientierung im Karriere-Coaching https://www.inqua-institut.de/blog/methoden/genogramm-karriere-coaching/
Ressourcenorientierte Genogrammarbeit – Coaching-Magazin https://www.coaching-magazin.de/coaching-tools/tools/ressourcenorientierte-genogrammarbeit


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